Texte

 

Der Drucker surrt und knackt.

Stille.

Ein Lämpchen blinkt.

Im Innern regt sich etwas.

Brommseln und feixen. Die Tintenpatronen fahren hin und her. Ein Papier wird in den Auszug gezogen, bleibt stehen.

 

Was druckst du so lang herum, blöder Drucker?

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"Ich teile deine Meinung"

"Welche Hälfte für dich?"

 

 

FRÜHSTÜCK

 

"Jagd nach dem Gottesteilchen".

"Higgs" machte Gott und wischte sich mit der Zeitung den Mund ab.

 

April 2009

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Big Bang

Ein Hit ist ein Schlag. Ein schlechter Schlager will dich erschlagen, ein guter Hit trifft dich ganz beiläufig bringt dich ins Taumeln.

Vor ein paar Jahren lauerte einem an jeder Ecke das folgende Liedchen auf:

""I'm a big big girl in a big big world it's not a big big thing if you leave me..." Ach, wie beginnt da das Herz zu klopfen. Ich bin ein grosses Mädchen in der grossen Welt und es ist keine grosse Sache, wenn du mich verlässt...Jede Zeil widerlegt die vorangegangene. Die grosse Welt lässt das big big girl ganz ganz klein erscheinen. Und die Welt wiederum schrumpft zu einem Nichts zusammen vor dem grossen Kummer, den das Verlassenwerden mit sich bringt.

Es ist auch ein Lied über die Machtlosigkeit der Sprache: Was für ein winzigkleines Wort ist dieses "big", und die Verdoppelung macht es nur noch kleiner, und drum ist der Weltschmerz "not a big big thing", nein nein, er ist ein Nichts! Ein schwarzes Loch, das alles verschluckt und alles auf einen Punkt bringt: Auf das Gefühl des Verlorenseins, und das ist weniger als Nichts.

Was da noch bleibt: Das Tap Tap Tapfersein, die trotzige Selbstversicherung, dass man überhaupt noch vorhanden ist. Das Herz klopft, also bin ich.

Jeder Refrain weckt ein neues Bild: Füsse, die auf den Boden stampfen. Hände, die an die Stirne schlagen, Fäuste, die verzweifelt an eine verschlossene Tür klopfen.

Ich höre der Melodie zu und wippe im Takt mit und weiss: Das läppische Liedchen hat mich auf dem linken Fuss erwischt. Ich taumle und gehe in die Knie.

 

 

März 2008

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Kolumbus

 

KOLUMBUS HAT AMERIKA ENTECKT.

Er sollte Verbesserungen schreiben.

Er schreibt

KOLUMBUS HAT AMERIKA

ENTDECKT

ENTDECKT

ENTDECKT

 

Das ist falsch, denkt er.

Kolumbus hat nichts entdeckt.

Entdecken tut man von oben. Wenn man eine Decke wegzieht.

Aber Kolumbus kam nicht von oben. Er fuhr auf dem Meer.

Er sah den Horizont.

Wird er über den Rand hinunterstürzen?

Es kam kein Rand.

Die Welt war rund.

KOLUMBUS HAT DIE WELT ENTECKT schreibt er aufs Blatt und geht hinaus, Fussball spielen.

 

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Man steigt nicht zweimal in den gleichen Fluss: Nie gelingt es mir, ein Duvet so zurechtzuzupfen und glattzustreichen, wie meine Mutter das konnte.

 

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blog-blog

"Ist beim Tod von Michael Jackson alles mit rechten Dingen zugegangen?" fragt "Der Bund". Was für ein Tod wäre denn das, bei dem "alles mit rechten Dingen zugeht"?

Ich wünschte ihn niemandem.

 

29.06. 09

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Frühenglisch

 

Michael J.: King of Pop

Michael J.: Pop - Ching

 

5.07.09

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Barthaaare wachsen auch nach dem Tod noch weiter.

Rasieren ist also durchaus ein Thema mit einer metaphysischen Dimension.

Ich stehe im Laden und suche die passende Klinge zu meinem Halter, der daheim  im Bad auf dem Tablar liegt. Was aber braucht mein Rasierer: Fusion Power, Mach 1 oder Mach 2, Contour oder Intuition plus? Meistens bringe ich die falschen Klingen heim, dort liegen sie nutzlos herum.

Es muss Leute geben, die mit einer gebrauchten Klinge in den Laden kommen und alle Päckchen aufschneiden, bis sie den Doppelgänger gefunden haben. Die Migros versteckt jetzt die Rasierklingen in Hartplasticschalen.

Die Suche nach der richtigen Klinge ist mindestens so kompliziert wie die Suche nach dem Heiligen Gral.

 Turbo Excel oder Quattro Titanium Energy? Die Wahrheit, mein lieber Prophet, liegt nicht beim Bart.

 

6.07.09

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Weil man überall FEDERER liest, wollte ich doch mal sehen, was Federer (Heinrich, 1866 - 1928) so geschrieben hat.

Erzählsammlung "Frühling der Gegenwart", Band 1, S. 144 ff:

Da lese ich die Geschichte vom greisen Eremiten Petrus Morone, der gegen seinen Willen zum Papst gewählt wird. Nach kurzer, unglücklicher Amtszeit legt er die Papstkrone ab und schlüpft wieder in seine alte Einsiedlerkutte."Gebt mir meine Wildnis wieder!"

Doch der Folgepapst stellt ihn bis ans Lebensende unter Hausarrest. Zu unberechenbar in seiner Wirkung auf die Gläubigen wäre ein einsiedlerischer Expapst, der im Wald seine Pilzsuppe kocht.

Geschehen ums Jahr 1294 in Aquila (Abruzzen), wo heute der G 8-Gipfel beginnt.

 

8.07.09

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Armstrong Armstrong Armstrong

Louis Neil Lance

In dieser Reihenfolge

 

10.7.09

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Die Raupe, die ich fast überfahren hätte, wird die andere Strassenseite kaum erreichen.

"Bleib doch, ich geh dann schon" sagt ungehört der Schmetterling.

 

11.07.09

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Ein warmer Oktobertag. Weidende Kühe, mitten unter ihnen ein junger Muni. Während die Kühe am Gras rupfen, muht er jämmerlich. Eine Kuh brunzt. Der Muni trottet hinzu und fängt mit der Schnauze die letzten Tröpfchen auf.  Hebt den Kopf in die Höhe, schliesst die Augen, saugt die uringewürzte Luft durch die weit aufgesperrten Nasenlöcher ein.

Versonnenglückseliger junger Muni im goldenen Herbstlicht.

 

17.10.09

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Ein frisch angesätes Winterfeld. In der dritten Saatreihe blinkt etwas.

Ein Fünfrappenstück. Wie ist es dort hingekommen? Zufall oder Absicht?

Ich greife in meinen Hosensack, wo sich loses Münz angesammelt hat. Drei Fünfrappenstücke. Die verteile ich in regelmässigen Abständen auf die Saatreihen.

Gehe weiter mit dem guten Gefühl, die Welt um ein Rätsel reicher gemacht zu haben.

 

23.10.09

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Vor einigen Tagen hat eine Spinne zwischen dem Büchergestell und der Lautsprecherbox ihr Netz gespannt. Die Spinne ist winzig, vielleicht ist sie jung und unerfahren. Seit Tagen sitzt sie bewegungslos in der Mitte des Netzes und wartet vergeblich auf Beute.

Wenn man auf "Drummerworld " Charlie Watts anklickt, gelangt man auf ein Video aus dem Jahre 1997. Die Rolling Stones spielen im Studio ihre alte Nummer "The spider and the fly". Wunderbar entspannt spielen sie, Mick Jagger schielt zwischendurch aufs Textblatt, und spontan ändert er eine Zeile: Nicht mehr dreissig, sondern fünfzig ist nun das Girl, das sich seinem Netz nähert. Aber es wird drin zappeln wie eh und je.

Ich muss  dieses Stück unbedingt meiner jungen Spinne vorspielen, bevor sie verhungert ist.

 24.11.09

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Darbellay&Co


Die Totengräber wissen nicht, auf welchen Friedhof mit ihr.

Und so lebt sie noch, die Demokratie.

4.12.09

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Frühfranzösisch

Josef, der weltgewandte, empfing die Heiligen drei Könige mit den folgenden Worten: "Le boef, der Ochs, la vache, die Kuh, fermez la porte, die Türe zu!"

20.12 09

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Klimagipfel

"S isch emu geng geng sövu" het ds Müüsli gseit, wos ids Meer bislet het.

"Wäm seisch das, mys Müsli - wäm seisch das?" süfzget der Bärg.

21.12.09

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Klauben. Eine Mischung aus glauben und klauen.  Ein witziges Wort. Klaube sich doch jeder seine eigene Religion zusammen. Was ist daran schlimm, Theolog?

 

22. 01. 10

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Strassenmusik bringt viel Münz ein, ich bewahre es in einer Schachtel auf, zusammen mit alten Schlüsseln und Büroklammern. Dieses Münz ist mein Notvorrat für schwere Zeiten - so Zeiten, wie sie uns nach der Finanzkrise prophezeit worden sind. Kürzlich brauchte ich Münz für den Billettautomaten, ich griff in die Schachtel, die Münzen waren giftgrün: Grünspan. Das kommt davon, wenn man das Geld hortet und nicht an die frische Luft lässt.

Nun kam mir in dem Zusammenhang der Name Greenspan in den Sinn - das war doch der Mann, der jahrelang an der Spitze der US-Notenbank stand. Der musste auch dafür sorgen, dass das Geld immer schön in Bewegung bleibt. Er war gegen jede Regulierung - Geldpolitik sah er als Kunst an, und Kunst braucht Freiheit. Seine Geldpolitik soll mitschuldig sein an der Finanzkrise. Er hat übrigens eine Profiausbildung als Saxophonist. Und weil er die Folgen seines Tuns trägt und die Freiheit der Kunst liebt, spielt er jetzt irgend an einer Strassenecke für gutes Münz.  

 

27.01.10

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"Niemand macht mehr Schweizer glücklich".

So weit ist es also schon?

Nein, so weit geht es noch. In die Ferien mit Hotelplan.

Denn niemand macht mehr Schweizer glücklich.

 

1. 02.10

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Sie wollen es wissen, die beiden Freundinnen. Sie greifen sich ein Buch aus dem Regal. Nicht irgend ein Buch, sondern die Bibel, und nicht eine Kinderbibel, sondern die grosse Jerusalemer Bibel, tausendachthundert Seiten.

Jugendliche Mädchen auf dem Sofa, in der Bibel blätternd. Ein Bild für die kirchliche Hauspostille. Ob zielgerichtet oder zufällig: Sie landen im Neuen Testament, erster Korintherbrief des Apostels Paulus.

"Ihr sollt aber wissen, dass Christus das Haupt des Mannes ist, der Mann das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi".

Kichern.

"Wenn ein Mann betet oder prophetisch redet und dabei sein Haupt bedeckt hat, entehrt er sein Haupt."

?

 "Eine Frau aber entehrt ihr Haupt, wenn sie betet oder prophetisch redet und dabei ihr Haupt nicht verhüllt".

??

"Sie unterscheidet sich dann in keiner Weise von einer Geschorenen. Wenn eine Frau kein Kopftuch trägt, soll sie sich doch gleich die Haare abschneiden lassen."

??? -!

Komm, lies weiter...

"Der Mann darf sein Haupt nicht verhüllen, weil er Abbild und Abglanz Gottes ist; die Frau aber ist der Abglanz des Mannes."

Zwei Mädchen auf dem Sofa, die Bibel auf den Knien. Ihre Gesichter drücken Staunen aus, ungläubiges.

14.02.10

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Bob Dylan, ein Wiederhören

 

Bob Dylan: Chronicles, Hoffmann und Campe 2004.

Bob Dylan: Lyrics 1962 - 2001, Hoffmann und Campe 2004

 

 

Ich war nie ein Dylanologe. Bob Dylan war für mich immer ein Komet, der sporadisch auftauchte, mich eine Zeitlang faszinierte und dann wieder für lange Zeit in der Dunkelheit verschwand. Obschon ich immer wusste, dass er ein grosser Poet ist, nahm ich seine Texte eher beiläufig wahr, als Teil der Musik.

Vor kurzem habe ich ?Chronicles? gelesen, Dylans autobiographische Notizen. Das Buch hat mich gepackt, obschon seine literarische Qualität zum Teil zweifelhaft ist. Manchmal platt wie Popstar-Memoiren, Name-Dropping und Partygeschwätz, dann plötzlich hochpoetisch, etwa wenn er die Stadt New Orleans beschreibt.

Vor ein paar Tagen kaufte ich mir auch noch ?Lyrics 1962-2001?. Ein Buch von 1150 Seiten, Dylans komplette Songtexte mit deutscher Übersetzung, 2 Kilo 350 Gramm bedrucktes Papier. Ich sitze da mit dem schweren Buch auf den Knien. Auf dem Koffergrammophon drehen sich die alten Dylan- Platten, die ich aus dem Keller geholt habe. Zeile für Zeile lese ich die Texte mit, und ich werde förmlich hineingerissen in diese Bilder und Geschichten. Landschaften tauchen auf, Männer und Frauen, groteske Charaktere, die Weisheiten und Dummheiten von sich geben, ein Gewirr von Stimmen, ein Singsang von Engeln und Teufeln, Gebete, Verwünschungen, Beschwörungen. Keine Protestlieder, nur Liebeslieder. Und grosse Erzählungen, welche die alten Mythen weiterspinnen.

Während sich die Nadel durch die zerkratzten Rillen pflügt, glaube ich plötzlich eine Ahnung davon zu bekommen, was ein Prophet ist: Ein Wahrheitssucher, der nicht Recht haben will. Er riskiert den Irrtum und zaubert aus jeder Antwort zwei neue Rätsel.: ?Ich habe nie die Absicht gehabt, anderer Leute Meinung ins Mikro zu schreien?, schreibt er. ?Ich war eher Kuhhirte als Rattenfänger?.

 

Ein Prophet ohne Religion. Was hat er nicht schon alles versucht, um sich anzubinden: I Ching (?Es ist etwas, woran man glauben kann? rief er aus, als er es kennenlernte), Judentum (aus dem er kommt), Familie (vier Kinder und zeitweilige Abkehr von der Bühne), fundamentalistisches Christentum (dem er einige seiner schlimmsten und ein paar seiner schönsten Lieder abluchste).

Die Poesie hat ihn immer wieder aus dem Gravitationsfeld der Ideologien hinausgerissen. Odysseus stiehlt den Sirenen die Lieder.

 

?He not busy being born is busy dying?: Wenn mir die Sprache leblos vorkommt und die Wörter wie vergiftete Krähen am Boden liegen, weist mir der Komet Dylan die Richtung wo ein Wort neu geboren wird.

Ich werde noch eine Zeitlang mit dem Buch auf den Knien die alten Platten hören. Dann werde ich es zuklappen und die Platten in den Keller stellen. Der Komet ist weg. Ich begnüge mich wieder mit Sternschnuppen.

 

März 2010

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Vor einigen Wochen erschien im "Bund" ein Interview mit der Basketballspielerin Sura Al-Shawk (nachzulesen auf der "Bund"-Homepage zwischen dem Werbebanner für Bindella-Weine und jenem für Ricardo, auf welchem unter dem Stichwort "Kopftuch" Damenshawls &Foulards - gebraucht oder neu, aber immer günstig angeboten werden).

Die gebürtige Irakerin, die kurz vor der Einbürgerung steht, wird vom Nordostschweizer Basketballverband gezwungen, sich entweder für den Sport oder für das Kopftuch zu entscheiden. Die junge Frau hat sich selbstbewusst für das Kopftuch entschieden. Damit gerät sie zwischen zwei Fronten: Hier die Verteidiger "westlicher Werte", die glauben, mit dem Kopftuch ein Symbol der Unterdrückung bekämpfen zu müssen. Und da die Islamisten, die dieses Kopftuch genau zu diesem Symbol der Unterdrückung gemacht haben.

Dazwischen ist eine junge, intelligente Frau, die das Kopftuch als Ausdruck ihrer persönlichen religiösen Haltung begreift.

Wer Kopftücher (den Plural möchte ich betont haben) verbietet, bestätigt die Sichtweise  der "grässlichen Männern mit den langen Bärten" (Sura Al- Shawk über den Islamischen Zentralrat). Das Verbot verbannt nicht nur ein Kleidungsstück, sondern nimmt einzelnen Menschen auch die Möglichkeit, öffentlich das Unterdrückungssymbol in ein Zeichen stolzer Selbstbehauptung umzuinterpretieren (wie es die junge Basketballspielerin tut).

 

P.S.  Wo ansetzen- bei den Symbolen der Unterdrückten oder bei den Symbolen der Unterdrücker? Warum - beim Barte des Propheten- kommt niemand auf die Idee, die haarige Verhüllung des Männerkinns zu verbieten ?

25. 05. 10

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Kunst der Beschönigung (aus der FAZ vom 28. Mai 2010):

"Das Oberverwaltungsgericht in Berlin-Brandenburg hat am Donnerstag dem Diesterweg- Gymnasium in Berlin Wedding gestattet, es einem 16 Jahre alten muslimischen Schüler zu verwehren, sein Mittagsgebet in der Schule zu verrichten."

Verwehren gestattet. Tönt doch einfach besser als beten verboten.

30. 5. 10

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Bildschirmschoner

Gibt es A) in der Wirklichkeit eine Entsprechung zum (gemäss Duden umgangssprachlichen) Satz "ich habe mich erschrocken", und B): Was oder wen schont eigentlich ein Bildschirmschoner?

Seit einiger Zeit haben die Macs bekanntlich nicht mehr eine Mattscheibe, sondern zeigen ihrem User eine spiegelblanke Oberfläche.

Eine junge Grafikerin erzählt: "Ich sass vor meinem iBook, startete ein neues Programm. Es sprang nur zögernd an. Der Bildschirmschoner verschwand, und für einen Augenblick war der Hintergrund schwarz. Plötzlich schaute ich in ein wütendes, ungeduldiges Gesicht."

20. 08. 2010

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Freund Martin Frischknecht hat mich veranlasst, wieder einmal für "Spuren" einen Beitrag zu schreiben. Er warf mir zum Thema ""Vater-Söhne; Vater-Töchter" den Begriff "Vorbild" hin - fast hätte ich mir an diesem Knochen die Zähne ausgebissen. ("Spuren" Nr. 98, Winter 2010):

 

Vorbild und Nachbild

 

Vorbild sein. Es ist etwas Zwiespältiges daran. Allein das Wort: Vor - Bild. Es setzt Sichtbarkeit voraus, was im Dunkeln liegt, davon sagt es nichts. Das Vorbildsein macht mich zum Muster - was folgt hinter mir? Die Kopie?

Von Vorbildern - so fällt mir auf - wird meistens im Konjunktiv geredet. Sportler, Schönheitsköniginnen, Showstars  sollten/ müssten Vorbilder sein! Sind sie aber meistens nicht oder jedenfalls nur so lange, bis irgendjemand ihre Schattenseiten ausleuchtet.

Zugegeben, es gibt auch die makellosen Vorbilder. Den Urwalddoktor zum Beispiel. Um ihn kam man nicht herum, wenn man in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in einem Pfarrhaus aufwuchs. Ein in jeder Hinsicht grossartiger Mensch,  der ideale Onkel.  Aber als Vorbild ein Koloss von Tugenden, der die Sicht auf den eigenen Horizont versperrte.

Und wenn man den eigenen Vater die Treppe zur Kanzel hochsteigen sah - eine arg verkürzte Himmelsleiter, wie mir schien - dann weckte das unweigerlich den Wunsch, mindestens so tief in die andere Richtung zu gehen. Und da boten sich so Vorbilder an wie Fix und Foxi, Max und Moritz, Tom Sawyer und Huckleberry Finn , Mick Jagger und Keith Richards, in dieser Reihenfolge.

Ich habe zu Weihnachten für meine Kinder ein Kartenset gekauft mit optischen Täuschungen. Etwa diese:  Blickt man lange auf ein helles Muster,  erscheint auf der Netzthaut  ein Nachbild, in dem sich die Werte umkehren: hell wird zu dunkel, die Farben erscheinen als Komplementärfarben.

Vorbild und Nachbild,  ein reizvolles Spiel für Winterabende am Familientisch.

 

 

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 vernetzenvernetzenvernetzen

die fische hören's mit entsetzen

(Mark Zuckerberg ins Poesiealbum)

21. 1. 2011

 

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Bin ich der einzige mit diesem Defekt?  Wenn ich das Wort Excel schon nur höre, packt mich der Ekel. Und wenn wenn mir eine  solche Tabelle unter die Augen kommt, sehe ich nur noch schwarz.

Ich bitte um Schonung, und ich beantrage, diesen Defekt zu registrieren unter dem Namen Tabellenblindheit.

Irgendwo, in einer Excel-Tabelle.

23. 1. 2011

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Das wenigstens ist klar geworden: AKW- Betreiber kochen auch nur mit Wasser.


1. 4. 2011


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Schönes Wetter, ja, viel Sonne, schön.

Und doch auch ein wenig banal. Von keinem Wölkchen getrübter Sonnenschein, das ist an vielen Orten im All ewiger Alltag.

Aber so ein Nieselregen, ein kühler Wind - dafür musst du ziemlich weit reisen im Universum.

7. 4. 2011

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Physik

 

Das Gewicht der Welt, unseres Planeten - wie soll es gewogen werden? Die Erde kann sich nicht selber wägen. Das müsste sie aber, wollte man ihr Gewicht unter den Gravitationsbedingungen unseres Planeten bestimmen (und ich meine das ganz praktisch, mit einer Waage). Eine zweite Erde mit der genau gleichen Masse löst das Problem auch nicht: Die beiden Körper halten sich im Gleichgewicht.

Nur ein grösserer Körper kann einen kleineren wägen. Und nur der kleinere Körper hat Gewicht.

Die Erde schwebt.

 

Und das Gewicht der Welt, unseres Universums? Es strebt auseinander - sein Gewicht muss minus sein.

So unbestimmt, so leicht, das Gewicht der Welt.

 

5. 5. 2011

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Wettbewerbe

Wir sassen zusammen in einer kleinen Galerie um einen Tisch, der Künstler, der Galerist und ich.

Der Künstler erzählte von einem klassischen Klavierwettbewerb, dem er kürzlich als Zuhörer beigewohnt hatte. Technisch hätten sich die Kandidaten kaum voneinander unterschieden, jedenfalls nicht für das Ohr des Laien. Aber bei den drei Gewinnern, da sei einfach noch etwas hinzugekommen, eine künstlerische Freiheit oder wie man das nennen möge...

Der Galerist erzählte, sein Sohn habe als junger begabter Pianist auch an Wettbewerben teilgenommen. Er sei aber nie bis ganz an die Spitze gelangt. So habe er schliesslich die Pianistenkarriere abgebrochen und sei Pilot geworden.  Das Klavierspiel habe er ganz aufgegeben.

Ich führte für mich das Gespräch auf dem Nachhauseweg weiter und bemerkte,  gewiss entbehre es nicht einer gewissen Logik, wenn jemand vom Flügel aufs Flugzeug umsteige, doch erscheine mir gleichwohl ein Musikwettbewerb als Rekrutierungsverfahren für angehende Piloten recht umständlich, und traurig sei es ohnehin, wenn ein Musikinstrument in die Ecke gestellt werde. Es gebe ja nicht nur Klavierwettbewerbe, sondern auch solche für Geige, Fagott, Cello, Altflöte, Querflöte, Blockflöte , Gitarre klassisch und elektrisch, Banjo, Xylophon, Glockenspiel, Harfe, Kontrabass, Countertenor, Mundharmonika, Kesselpauke und noch vieles mehr.

Dann stellte ich mir all diese Instrumente vor, versorgt in Etuis und Koffern, auf Estrichen in Kellern, unter Betten verstaut oder gar im Fundbüro deponiert. Und  ihre ehemaligen Besitzer: In Loks, in Taxis, auf Velos, in Lastwagen unterwegs, und der eine oder andere vielleicht auch in der Luft wie jener Ballonfahrer, dem einst bei einem Wettbewerb auf dem letzten Triller die Luft ausgegangen

 

18. 8. 2011

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Positives Denken

Kopf hoch.

Schwamm drüber.

9. 11. 2011

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Wunschhund

 

Hätte ich einen Hund, ich würde ihn auf den Namen FLOP taufen.

Die Rasse ist unwichtig, aber es müsste einer mit hängenden Ohren sein. Ich würde mit ihm an Hunderennen teilnehmen. Vom Start bis zum Ziel  würde ich ihn ununterbrochen anfeuern: "Hopp FLOP! Hopp FLOP!"

 

29. 4. 12

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Gute Reise

 

Im Zug zwischen Zürich und Schaffhausen. Der Schaffner kommt. Ein Mann mit einer Frisur wie Albert Schweitzer, auch der Schnauz fehlte nicht. Sonst aber war er eher unscheinbar und von schmächtiger Statur. Ein überaus freundlicher Mensch, der die Fahrgäste heiter begrüsste und, nachdem er die Billette kontrolliert hatte, eine gute Reise und einen schönen Tag wünschte.   Bevor er  sich abdrehte und weiterging, erhaschte ich einen Blick auf sein Namensschild.

H. Herrgott.

So stand es da, schwarz auf weiss.

Hermann, Heinz oder Hanspeter.

Er ist unter uns, und wenn wir ein gültiges Billett besitzen, ist alles gut.

 

5. 5. 12

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Rettungsschirme

Hudelwetter. Den Regenschirm aufspannen. Eine Stange  knickt ab. Schon wieder. Hudelware. Wer flickt mir den Schirm? Niemand. 

Apropos Schirm: Was stellen Sie sich unter einem Rettungsschirm vor? Einen Fallschirm? Was heissen würde: Es geht ohnehin runter mit der Wirtschaft, mit dem Euro, je nach Grösse des Rettungsschirms (by the way: was ist ein aufgestockter Rettungssschirm?), je nach Grösse also etwas schneller oder langsamer...

Oder ist doch vielleicht ein Schutzschirm gemeint? Man steht im Regen (mit, hm, aufgestocktem Schirm) und wartet im Trockenen auf bessere Zeiten...

Hudelware. Wohin ich schaue, sehe ich verbogene, zerrissene Schirme. Die Kehrichtkübel überquellen von ihnen.

Ich erinnere mich, wie Scherenschleifer und Schirmflicker an unserer Tür klopften. Nach wenigen Stunden brachten sie die Messer und Scheren zurück. Und die Schirme waren frisch geölt, die Stangen gerichtet, bereit fürs nächste Hudelwetter.

Fahrende Händler. Seit Jahrhunderten unterwegs in Europa. Vielleicht weiss einer von ihnen noch, wie man einen Schirm macht, der nicht gleich beim ersten Windstoss zusammenklappt.

 

20.9.12

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Mit was wird so ein Sparpaket eigentlich gefüllt?

 

14. 2. 13

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Wenn ich an Ray Kurzweil denke (der erwartet, dass in absehbarer  Zeit das menschliche Gehirn vollständig gescannt und kopiert werden kann, wodurch sich, wie er glaubt, der Traum der Unsterblichkeit erfülle) - wenn ich also an Ray Kurzweil denke (und den digitalen Flügel, den er erfunden hat, gähn) ? dann frage ich mich, was  wohl öder ist: sterben, ohne gelebt zu haben; oder gelebt haben, ohne gestorben zu sein.

 

4.11.13

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Tenor Madness

 

?An so einem Tag? - sagte Sonny Rollins, der grosse Jazzsaxophonist, als er aufgefordert wurde, seine Wohnung, die sich in unmittelbarer Nähe der brennenden Twin Towers befand, unverzüglich zu verlassen -?an so einem Tag? sagte Sonny Rollins, das Saxophon kurz absetzend, ?kann man geradesogut üben?.

14. 11. 2015

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Sparpaket 2

 

Wie wird so ein Sparpaket verschickt - per A- Post (schneller &teurer) oder per B- Post (langsamer& billiger)??

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Wintermann

 

In meiner zweiten Gitarrenstunde fragte mich der Lehrer, zu welchem Lied ich denn gern eine Begleitung lernen möchte. Ich war acht, und ich antwortete: "Der Winter ist ein rechter Mann".

Es war mein Lieblingslied. Ich liebte den Winter, und ich liebte diese Worte: "Der Winter ist ein rechter Mann, kernfest und auf die Dauer". Zwar konnte ich mir unter "kernfest" nichts Rechtes vorstellen, aber dass der Winter hart und von Dauer sei, das wünschte ich mir. Kunsteisbahnen gab es nur in Städten, wir lebten auf dem Land, wo man nur auf gefrorenen Teichen Schlittschuh laufen konnte.

Mein Gitarrenlehrer verzog das Gesicht. Ob ich nicht ein etwas einfacheres Lied wüsste, zum Beispiel "Hänschen klein" oder "Alle Vögel sind schon da".

Ich blieb dabei: "Der Winter ist ein rechter Mann". Nun erklärte mein Gitarrenlehrer, das gehe nicht, es komme in dem Lied sogar ein Mollakkord vor, die Mollakkorde würde ich aber erst später, nach den Durakkorden, lernen.

Ich blieb hart: "Der Winter ist ein rechter Mann!"

Und dann ging ich nie mehr in die Gitarrenstunde.

Kürzlich habe ich mir das Lied wieder mal angeschaut: "Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an..." Tatsächlich: Nach G-Dur und D-Dur kommt plötzlich a-Moll, just auf das Wort "Eisen".

Ich blicke aus dem Fenster. Endlich, der erste Frost in diesem Jahr.

Manche Vögel ziehen seit einigen Jahren nicht mehr in den Süden. Wie dieser Milan, der über den entblätterten Bäumen seine Kreise zieht. Ab und zu gibt er einen hellen Laut von sich. Der Winter ist ein rechter Mann... Der Milan pfeift darauf.

 

November 2016

 

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Tode

Der Tod - der Tod, der Tod? Als ob es einen einzigen Tod gäbe. Als ob den Tod gäbe.

Es gibt so viele Tode wie es Lebende gibt. Deiner geht neben dir her, er zählt jeden deiner Schritte und liest deine Gedanken, nachts wacht er neben dir und merkt sich deine Träume. Er hat ein Riesengedächtnis, und in deiner letzten Sekunde spielt er dir dein Leben als Film ab. Aber vielleicht hast du auch einen ganz anderen Tod neben dir, einen vergesslichen Tod, der verliert dich eines Tages aus den Augen, und wenn du alt bist und gehen möchtest, lässt er dich warten, und du rufst nach ihm, aber er hat dich schlicht vergessen, vielleicht hat er einen anderen getroffen, eine Verwechslung, oder du hast Glück und ein musikalischer Tod begleitet dich, wenn du auf dem letzten Loch pfeifst, ein zweistimmiges Requiem, für dich allein, aber vielleicht hast du einen dummen Tod neben dir, der dich vor ein Auto laufen lässt, während dir in den Sinn kommt, dass du vorhin deine Cumulus- Karte hast liegenlassen, oder ein leichtsinniger Tod ist mit dir, der lässt dich auf eine Klippe steigen und ruft Spring, ich fange dich auf! Vielleicht hast du ja einen witzigen Tod, der sticht dir die Pointe mitten ins Herz, oder du hast einen höflichen Tod, der klopft leise an die Tür und lässt dir Zeit, dich umzuziehen, oder du hast einen eifrigen Tod, der nimmt auch noch deine Frau und deine Kinder mit, oder einen schludrigen Tod, der macht dasselbe und murmelt sorry, und vielleicht hast du ja einen sanften Tod, aber der ist scheu und kommt nur wenn du schläfst, nicht zu verwechseln mit dem faulen Tod, der dich einfach liegen und verrotten lässt; es gibt viele Tode, grosse, kleine, erfahrene, unerfahrene, sympathischere und weniger sympathische, einige sind ziemlich schön, viele aber sind hässlich, und sie alle halten um deine Hand an& wollen mit dir tanzen.

 

Aus:

Jared Muralt/ Balts Nill : TOTENTANZ? Vatter& Vatter 2016

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Berge versetzen

 

Er steht an der Strassenecke, seit Stunden steht er da und wartet.

Er kann und will nicht glauben, dass sie ihn versetzt hat.

Ein Berg von einem Mann, das an der Strassenecke wartende Häufchen Elend.

 

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Sparpaket 3

 

Sage ich Dankeschön, wenn ich ein Sparpaket erhalte? Und wem?

 

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